Die Italiener in der Schweiz

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Heute sind die «Italos» beliebt. Zumal in der Deutschschweiz, wo man auf diesen Schuss mediterraner Lebensfreude, den man wohl nicht zu Unrecht ihrem Einfluss zurechnet, kaum mehr verzichten möchte. Früher war das anders: Noch vor fünfzig Jahren schlug den «Tschinggen» blanker Hass entgegen, der in den Überfremdungsinitiativen der Sechziger- und Siebzigerjahre seinen politischen Ausdruck fand.

Die erste Welle

Begonnen hatte die verstärkte Einwanderung aus dem Süden bereits im 19. Jahrhundert. Die wachsenden Städte, die Wasserkraftwerke und vor allen Dingen die Eisenbahnen des jungen Schweizer Bundesstaates wurden nicht zuletzt von italienischen Arbeitskräften erbaut; allein im Eisenbahnbau stellten sie zeitweilig 80 Prozent der Arbeiter.Und die schufteten oft unter höllischen Bedingungen: Die Mineure, die den ersten Eisenbahntunnel durch den Gotthardtrieben, arbeiteten bei 99 Prozent Luftfeuchtigkeit und Temperaturen von bis zu 40 Grad. Viele holten sich eine Staublunge. Die Arbeiter hausten in schmutzigen, überfüllten Baracken; manchmal teilten sich drei von ihnen im Schichtbetrieb ein einziges Bett.

Mit der Zeit entstanden regelrechte Italienerkolonien um die Grossbaustellen und in den Städten bildeten sich Italienerviertel. Lebten 1860 erst um 10’000 Italiener in der Schweiz, waren es 1900 bereits über 110’000 und 1910 sogar über 200’000. Gleichwohl war die italienische Gemeinde in der Schweiz kleiner als die deutsche (1880 waren 19,7% der Ausländer Italiener und 45,1% Deutsche; 1910 waren es 36,7% gegenüber 39,7%).

Geschätzte drei Viertel der damals in der Schweiz lebenden und arbeitenden Italiener – die meisten waren ungelernte Arbeiter – stammten aus Norditalien. Aus dem Mezzogiorno kam damals nur eine kleine Minderheit, auch wenn Süditalien schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts wirtschaftlich vom Norden abgehängt wurde und bald die ersten grossen Auswanderungswellen alimentierte.

Die Italiener in der Schweiz wiesen damals eine ähnliche Struktur auf, wie sie heute oft für Flüchtlingsgruppen kennzeichnend ist: tiefes Durchschnittsalter, hoher Männeranteil und geringer Integrationsgrad. Innerhalb der ausländischen Bevölkerung waren sie jene Nationalität, die am seltensten Einheimische heirateten.

Das Verhältnis zu den Schweizern war daher nicht einfach – zumal die heimische Unterschicht, die mit den Folgen des wirtschaftlichen Umbruchs zu kämpfen hatte, die italienischen Arbeiter oft als Konkurrenz betrachtete. Die Spannungen entluden sich mehrmals in – manchmal gewalttätigen – Konfrontationen.

1893 verprügelten in Bern arbeitslose Handlanger im sogenannten Käfigturmkrawall italienische Bauarbeiter, die sie als Lohndrücker sahen. Italienische Geschäftslokale, Cafés und Restaurants wurden verwüstet. Drei Jahre später kam es im Zürcher Arbeiterquartier Aussersihl zu einem ähnlichen Vorfall.

Flaute und Faschismus

Der Erste Weltkrieg war eine Zäsur: Er machte der Bewegungs- und Niederlassungsfreiheit in Europa den Garaus. Der Ausländerbestand in der Schweiz nahm drastisch ab. Aber auch nach dem Krieg war die wirtschaftlich angeschlagene Schweiz kein Magnet für Immigranten.

Seit 1922 versuchte die faschistische Regierung Italiens, das italienische Vereinswesen in der Schweiz unter ihre Kontrolle zu bringen. Nur wenige Verbände konnten sich der Umarmung Mussolinis – der übrigens von 1902 bis 1904 selber in der Schweiz gelebt hatte – entziehen. Die Antifaschisten sammelten sich in den «Colonie libere italiane». In Zürich wurde die 1905 von Sozialdemokraten gegründete «Cooperativa italiana» – deren Restaurant, das «Cooperativo», heute noch besteht – ein Zentrum des Widerstands mit internationaler Ausstrahlung.

Mussolini wurde 1943 gestürzt und Italien wurde zum Kriegsschauplatz. In der Folge kamen etwa 30’000 militärische und 14’000 zivile Flüchtlinge in die Schweiz, die jedoch in der Mehrzahl nicht dauerhaft blieben.

Die zweite Welle

Nach dem Zweiten Weltkrieg lag Europa in Trümmern. Auch Italien litt unter den Zerstörungen. Zwei Millionen Arbeitslose zählte das Land nach dem Krieg. Die Schweiz dagegen war verschont geblieben; ihre Industrie war intakt. Und die benötigte ausländische Arbeitskräfte – um zu expandieren, aber auch um den Anstieg der Löhne zu bremsen. Bald strömten wieder Immigranten aus dem südlichen Nachbarland in die Schweiz: 1947 und 1948 kamen jeweils über 100’000.

Zwar zog auch in Italien dank dem Marshallplan die Wirtschaft an; das durchschnittliche Wirtschaftswachstum belief sich von 1950 bis 1973 auf beachtliche 4,9 Prozent. Doch die Armut und das niedrige Lohnniveau trieben nach wie vor viele Menschen aus dem Land. Ab Mitte der Fünfzigerjahre nahm aber der Strom der norditalienischen Immigranten in die Schweiz deutlich ab – von nun an kam die Mehrzahl aus dem strukturschwachen Süden.

Die Schweiz schloss 1948 ein erstes Abkommen mit Italien, um die Arbeitsimmigration zu regeln. Der Ausländeranteil an der Bevölkerung stieg wieder kräftig an, von 6,1 Prozent (1950) auf 17,2 Prozent (1970). Davon waren über die Hälfte Italiener – und das, ohne die «Saisonniers» mitzuzählen, die überwiegend ebenfalls aus Italien kamen.

Die Aufenthaltsbewilligung dieser Saisonarbeiter war auf neun Monate pro Jahr beschränkt, konnte jedoch nach Bedarf erneuert werden. Zudem mussten sie Steuern bezahlen, durften aber keine Sozialleistungen beziehen und ihre Stelle nicht wechseln. Und sie konnten ihre Familie nicht in die Schweiz nachkommen lassen. Manche nahmen die Kinder trotzdem mit, mussten sie dann aber vor den Behörden verstecken – in ständiger Angst, denunziert zu werden.

Das Rotationssystem sollte verhindern, dass die Gastarbeiter in der Schweiz Wurzeln schlugen. Die Masse der ausländischen Arbeitskräfte in der Schweiz – junge, ledige Männer – sollte so eine Art «Konjunkturpuffer» bilden, der bei nachlassender Nachfrage einfach abgestossen werden konnte. Dementsprechend lebte die grosse Mehrheit der Gastarbeiter zu Beginn der Sechzigerjahre seit weniger als vier Jahren im Land.

Ab 1960 änderte sich die Ausländerpolitik der Schweiz allmählich. Wirtschaft und Politik sahen ein, dass der Bedarf an ausländischen Arbeitskräften kein vorübergehendes Phänomen war. Zugleich nahm die Attraktivität der Schweiz für italienische Arbeiter ab, die seit 1964 innerhalb der EWG Freizügigkeit genossen.

So wich das Rotationssystem, das sich als ineffizient erwiesen hatte, der Assimilationspolitik. Das «Italienerabkommen» von 1964 stellte die italienischen Arbeitskräfte bei den Anstellungsbedingungen und Versicherungsleistungen ihren einheimischen Kollegen gleich. Nach fünf Jahren Arbeit erhielten die Saisonniers nun eine Aufenthaltsbewilligung, dazu wurde der Familiennachzug erleichtert.

In der Frage der Einbürgerungen erwog man damals in der «Eidgenössischen Studienkommission für das Problem der ausländischen Arbeitskräfte» selbst die Einführung des «ius soli», also die Verleihung der Staatsbürgerschaft an alle im Land geborenen Kinder.

Angst vor Überfremdung

Die Lockerung in der Ausländerpolitik erfolgte zeitgleich mit einer spürbaren Zunahme der Angst vor «Überfremdung» und beflügelte diese. Besonders der Familiennachzug war heftig umstritten. Schon seit Ende der Fünfzigerjahre war das Unbehagen in der Bevölkerung über den stürmischen Anstieg der ausländischen Bevölkerung gewachsen. Bis 1970 nahm die Zahl der Italiener auf über 520’000 zu. Besonders unbeliebt waren die Süditaliener, die neuerdings die Mehrzahl der Einwanderer stellten und als «nicht assimilierbar» galten.

Nun begann sich dieses Unbehagen politisch zu manifestieren: 1963 gründete Albert Stocker in Zürich eine «Anti-Italiener-Partei»; bereits 1961 war die «Nationale Aktion gegen Überfremdung von Volk und Heimat» (NA) – 1990 in «Schweizer Demokraten» umbenannt – entstanden. Ab Mitte der Sechzigerjahre folgten die sogenannten «Überfremdungsinitiativen».

Die bekannteste und erfolgreichste davon – die Schwarzenbach-Initiative – wurde von dem Rechtspopulisten James Schwarzenbach 1968 lanciert. Der Ausländeranteil sollte auf zehn Prozent begrenzt werden – 350’000 Ausländer hätten die Schweiz verlassen müssen. Schwarzenbach betrachtete die «braunen Söhne des Südens»Der Abstimmungskampf wurde äusserst emotional geführt. Fremdenfeindliche Schmierereien wie «Italiener raus!» tauchten auf. Es gab Restaurants, die Schilder mit der Aufschrift «Für Hunde und Italiener verboten» anbrachten. Die Wirtschaft bekämpfte das Volksbegehren, dennoch sagte 1970 eine beachtliche Minderheit von 46 Prozent der Stimmbürger Ja zur Schwarzenbach-Initiative – bei einer Rekordbeteiligung von 75 Prozent (jedoch nur Männer).  als «artfremdes Gewächs» und befürchtete die Infiltration von «kommunistischen Agitatoren» – wie übrigens auch die Fremdenpolizei, die Gastarbeiter und ihre Organisationen bespitzelte.

Entspanntes Verhältnis

Im Herbst 1973 kam es zur Ölkrise und damit zur schwersten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg, die im Jahr darauf auch die Schweiz erfasste. Die Zeit des nahezu ungebremsten Wirtschaftswachstums war vorbei; 1974 gab es in der Schweiz mehr als 200’000 Arbeitslose. Zahlreiche Immigranten waren jetzt gezwungen, die Schweiz zu verlassen. In vier Jahren sank die Zahl der Gastarbeiter um 300’000 – die Schweiz exportierte damit einen grossen Teil der Arbeitslosigkeit.

Dies dürfte einer der Gründe sein, warum sich das Klima gegenüber den Ausländern entspannte. Möglicherweise profitierten die Italiener in der Schweiz aber auch von der Tatsache, dass unterdessen andere, neue Immigrantengruppen den Unmut der Einheimischen auf sich zogen. Jedenfalls ging die Hetze gegen die «Tschinggen» und deren angeblich unschweizerisches Verhalten allmählich zurück.

Heute erscheinen die damaligen Befürchtungen grotesk – die italienischen Secondos gelten als Teil der schweizerischen Gesellschaft. Sie werden – falls sie es überhaupt wollen – in aller Regel problemlos eingebürgert.

Quelle: Watson, Text: Daniel Huber

 

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Forse nella Hanro, Magnet Basel, Museum Baselland

Quelle: Magnet Basel

Ich & Italo

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Ich habe Italo-Disco 1983 für mich entdeckt. Es war „meine“ musikalische Antwort auf die hochkommerzialisierte Synthiepop-Perfektion von damals. Was aus den italienischen Studios kam klang auffällig anders. Für mich war es purer „sound of the underground“. Anspruchslos, schlitzohrig, low budget und zu 100% ehrlich. Italo-Disco war der markante Gegensatz zu den europäischen, äusserst chartorientierten Major Label-Produktionen.
Als junger Musikkonsument gefiel mir dieser Aspekt sehr. Die Leute in meiner Schule hörten Mötley Crüe und Modern Talking, da bin ich sofort in Richtung Italo-Disco abgebogen. Letzten Endes entdeckte ich dank Italo-Disco die Intensität der elektronischen Tanzmusik und die DJ-Kultur.

Ich kann mich gut daran zurückerinnern, dass Italo-Disco stets für ein musikalisches Randphänomen gehalten wurde: Depeche Mode für Arme und Rückständige – so lauteten etwa boshafte Kommentare hinter vorgehaltener Hand. Dass die Italo-Disco-Szene von echten Musikern und erfahrenen Studioproduzenten verkörpert wurde, davon nahm man kaum Notiz. Besonders störend in jener Zeit: Sämtliche kommerziell erfolgreiche Produktionen (zunächst Gazebo, Ryan Paris, Righeira und Raf – später Baltimora, Spagna, Den Harrow und Sabrina) wurden bedauerlicherweise als „Italo-Pop“ deklariert. Diese und ähnliche Vertreter der Italo-Disco-Bewegung wurden also im pophistorischen Kontext fälschlicherweise im gleichen „Topf“ wie Eros Ramazzotti, Zucchero oder Gianna Nannini geworfen.

Und genau hier liegt meines Erachtens das grösste Malheur in der Geschichte von Italo-Disco! Das Genre hatte von Beginn an ein Identitätsproblem, das leider bis heute nachwirkt.
Keines der damals direkt involvierten Mailänder Labels erkannte die Notwendigkeit Italo-Disco entsprechend professionell und seriös zu vermarkten – auch dann nicht, als mit dem Studioprojekt „Den Harrow“ europaweite Top 10-Erfolge verzeichnet wurden. „Wir hielten uns bedauerlichweise nicht an die Regeln des Musikbusiness“ sagte mir Stefano Pulga (Produzent u.a. des Italo-Disco-Klassikers „Another Life“ von Kano) in einem Interview.
Die daraus resultierenden Folgen waren gravierend. Man überliess beispielsweise einen Grossteil der Kommerzialisierung an Dritte, in Deutschland etwa an Bernhard Mikulski von Zyx Records. Der tüchtige Mikulski erfand übrigens die Bezeichnung „Italo-Disco“ – die Italiener waren selbst nicht in der Lage ihrem Genre einen Namen zu geben.
Was für ein Paradox! Mit einer solchen – für Italien typische – Wir-leben-in-den-Tag-hinein-Einstellung beförderte sich der italienische Synthiepop in die Obsoleszenz.

Noch kurz zum Thema Giorgio Moroder: Italo-Disco wird stets mit Moroder in Verbindung gebracht. Diese These ist aber meiner Meinung nach falsch. Für mich gibt es da nur marginale Berührungspunkte. Moroder hat 1977 den Electropop erschaffen und ja er war bzw. ist Italiener. Seine synthetisch komplexe Musik entstand in den klimatisierten Hightech-Studios von München und Los Angeles. Italo-Disco hatte hingegen eine ganz andere Nabelschnur: Die britische New Wave- und Synthiepop-Bewegung! In der DNA von Italo-Disco befand sich eine reine Working Class-Kultur. Da steckte viel Provinz und wenig Glamour drin.

Text: Bruno Gullo

© XENONMUSIC

Italo Disco Kopenhagen

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Ja, gibt es wirklich! Ein italienisches Restaurant in Kopenhagen.

www.italodisco.dk

italienske køkken